Sichtbare Spielfreude und enthusiastische Tempowahl

Beethovens 9. Sinfonie in der St. Vitus-Kirche Meppen

07.10.2015

Von Daniel Lösker

Meppen. Es war ein berauschendes Ereignis, das die Zuhörer in der voll besetzten Meppener St. Vitus-Kirche erleben dürfen. Ludwig van Beethovens „Sinfonie Nr. 9 in d-Moll“ mit dem berühmten Schlusschor über Friedrich Schillers Ode „An die Freude“ erklang dort und erntete viel Beifall.

Olaf Nießing am Dirigentenpult senkt zufrieden die Arme. Die Anspannung der Solisten, des Chores und des Orchesters weicht einer entspannten Mimik.

Die gut 90 Sängerinnen und Sänger des Chores, der sich aus dem Städtischen Musikverein Meppen und der Oratorienvereinigung „Euphonia“ aus dem niederländischen Zwolle zusammensetzt, glänzen mit voluminösem Klang und ausgeglichenem Timbre. Balthasar Baumgartner und Wolfried Kaper haben ihre Choristen hervorragend vorbereitet. Nuancen, wie Absprachen von Konsonanten sind aufs Genaueste einstudiert. Die wenigen dynamischen Abstufungen und die lang anhaltenden Fortissimo-Passagen werden mühelos bewältigt. Und dies ist bei Beethoven wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit. Der große Meister unsterblicher Orchester- und Kammermusik erweist sich immer wieder als ungenügender Kenner der menschlichen Stimme und fordert demzufolge Leistungen, die an die Grenze des physisch Machbaren gehen.

Mit Bravour

Ein Phänomen, unter welchem die Gesangssolisten natürlich ebenso leiden könnten, wären sie nicht herausragende Könner ihres Fachs. Die Sopranistin Meike Leluschko bewältigt die kurzen, aber enormen Anforderungen, besonders in der Höhe, mit Bravour. Isabel Baumgartner ist ihr eine kongeniale Partnerin. Ihr ausdrucksstarker Alt erfüllt den Raum mühelos. Dies gilt auch, und besonders für Aart Mateboer, der eindrucksvoll seinen stets paraten und durchdringenden Tenor einzusetzen weiß. Bert van de Wetering kann mit schönem und sonorem Bariton überzeugen.

Kammerphilharmonie Emsland bildet Fundament

Das Fundament für all diese Leistungen aber bildet die Kammerphilharmonie Emsland, die von ihrem Dirigenten vorzüglich eingestellt ist. Nießing wählt durchgehend flotte Tempi, versucht die Partitur von „romantisierenden“ und allzu pathetischen Verfremdungen zu bereinigen. Er steht dabei nah bei den zurecht hochgelobten Neueinspielungen der Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi oder dem Gewandhausorchester Leipzig unter Riccardo Chailly. Gerade der zweite Satz, jenem meisterhaften Scherzo, gelingt Nießing und den seinen vorzüglich. Mit sichtbarer Spielfreude und enthusiastischer Tempowahl entdecken sie Beethovens klassisches Ideal neu. Da können auch ein paar kleinere Indisponiertheiten des Horns im darauffolgenden Adagio nicht stören. Stets ist das Orchester hellwach, sitzt quasi auf der Stuhlkante und folgt seinem Dirigenten bereitwillig, dass es ein wahres Vergnügen ist.

Reinhard Büring als Sprecher

Ob man dem eigentlich für sich stehenden großen Opus wirklich noch ein anderes Werk voranstellen muss, bleibt dahingestellt. An diesem Abend jedenfalls ist es so. Auszüge aus Matthias Nagels „Dietrich Bonhoeffer ¨– ein Liedoratorium“ bilden den ersten Teil. Ein Sprecher, der von Reinhard Büring angenehm unaufgeregt und dennoch eindringlich interpretiert wird, erzählt aus dem Leben des großen Theologen und Widerstandskämpfers, musikalisch umrahmt von Chorgesängen mit Bonhoeffer-Texten und am Klavier begleitet. Letzteren Part bewältigt Balthasar Baumgartner gewohnt souverän. Wolfried Kaper leitet das in seiner Aussage durchaus beeindruckende Werk mit klarem Schlag.

Quelle: https://www.noz.de/lokales/meppen/artikel/624446/beethovens-9-sinfonie-in-der-st-vitus-kirche-meppen#gallery&0&0&624446

Foto: Bert van de Wetering (Bariton), Aart Mateboer (Tenor), Isabel Baumgartner (Alt), Meike Leluschko (Sopran), die Chöre aus Meppen und Zwolle und die Kammerphilharmonie Emsland interpretierten unter der Leitung von Olaf Nießing Beethovens 9. Sinfonie. Foto: Daniel Lösker